Ende Mai ist in der Kieler Förde eine Segelyacht unterwegs, deren Crew aus einem pensionierten Panzerfahrer, zwei Jungs und mir besteht. Die Yacht heißt Ronja und misst 30 Fuß, der Panzerfahrer ist Ausbilder, wir drei jungen Leute sind Schüler. Einer von beiden Jungs ist mein Arbeitskollege, der andere ist Apotheker.

Wir haben unseren Ausbildungstörn in Kiel Schilksee gestartet und machen nun die Ostsee unsicher. Ein Ausbildungstörn unterscheidet sich von einem normalen Urlaub im Grunde nur dadurch, dass wir morgens um 6 Uhr aus unseren Kojen klettern und nach Frühstück, Berechnen des Tageskurses in der Seekarte sowie Wettercheck (verheißt immer Drama und kommt dann auf trüben Himmel und leichten Regen hinaus) den Rest des Tages rumsegeln, was Wind und Boot hergeben. Wir wenden, halsen, fahren Kreise, Kurse zum Wind, nach Kompass, auf Sicht, ständig geht die Boje über Bord, dann retten wir die Boje, wahlweise mit einer Wende, mit einer Halse oder unter Motor, weisen uns als Crew gegenseitig an, holen die Schoten dichter und noch viel dichter, und segeln, segeln, segeln. Manöverdrill Hilfsdruck. Aber wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier. 

Abends im Hafen schwirren uns die Köpfe, bleierne Müdigkeit sitzt uns in den Gliedern, die eigens zu Lernzwecken mitgebrachte Theoriebuch-Sammlung des werten Kollegen wird gar nicht erst aus der Tasche geholt. Wozu auch? Der gute Mann schnarcht sich quasi noch am Abendbrottisch in den Erschöpfungsschlaf.

Kiel Schilksee, Olympiahafen

Ich bin mir nicht mehr sicher, warum ich das wollte. Wie war ich doch gleich auf die größenwahnsinnige Idee gekommen den Sportküstenschifferschein, kurz SKS genannt, machen zu wollen? Wollte ich wirklich selbst Skipper werden?

„Das war im letzten Jahr“, erinnern mich die Jungs. „Nach der Prüfung für den Sportbootführerschein See.“ Klar, weiß ich ja selbst. Da war die Euphorie halt gerade groß. Und das hier schien auch noch weit weg. Da lag der lange Winter dazwischen! Konnte ja keiner ahnen, dass der dann so plötzlich vorbei sein würde. Dass dann auf einmal doch schon der Mai im Kalender steht – dabei war es den Winter über ohne Segeln eigentlich auch ganz nett? Ich könnte statt hier im trüben Ostseehafen in der klammen Koje ganz prima zu Hause auf der Couch sitzen. Couch wäre mal der totale Luxus! Ich schreibe Alex eine empörte Nachricht, in der ich die Gesamtsituation anprangere und bitte ihn, mich doch demnächst vehement von solch schrägen Vorhaben abzubringen, zu meinem eigenen Besten.

„Jaja“, schreibt Alex zurück. „Du machst das schon.“

Ich bin nicht die einzige, die mit ihrem Schicksal hadert. Zum Beispiel wegen gewisser Eckdaten: beide Jungs sind größer als ich und es vergeht kaum ein Tag, ohne dass sich einer von ihnen während unserer schaukeligen Fahrten an Ronjas Inneneinrichtung den Kopf anschlägt. Ich beschließe, mal heimlich zu googeln, wie viele angehende Skipper pro Saison wohl mit Gehirnerschütterung im Krankenhaus landen. Nur der Panzerfahrer scheint vollumfänglich zufrieden; im Vergleich zum Inneren eines Panzers ist eben einfach alles groß und geräumig und immerhin bekommt der ja auch Geld dafür, dass er sich seinen Ruhestand schön macht, indem er anderen Leuten die Sache mit dem Segeln beibringt. Und Ronja selbst natürlich, unser tapferes Boot, ihr Baujahr liegt in den 1970ern, Ronja hat also schon viele Ausbildungscrews durch die Wellen getragen und häufig die Köpfe der angehenden Skipper mit ihrem Innenleben bekannt gemacht. Ihr einziges Manko: der Verklicker ganz oben an der Mastspitze ist verbogen.
„Da müsste wohl mal jemand hoch“, sagt der Lehrer vage und es ist ihm anzusehen, dass ihm diese Vorstellung nicht besonders behagt. Also doch nicht vollumfänglich zufrieden. Na bitte. Keiner ist zufrieden. Keiner außer Ronja.

Und dann kommt dieser Tag, an dem die Wettervorhersage mal Recht hat, praller Sonnenschein und Starkwind mit ordentlichen Böen. Wir tauschen in der Früh an Land unsere Genua gegen die Sturmfock, bereiten das Großsegel mit Reff vor und verlassen Kappeln Richtung Norden. Erst ist das Wasser noch ruhig, aber bereits im Laufe des Vormittags wird das Deck unserer Ronja mehrfach mit frischem Ostseewasser gereinigt, das ganz große Segelkino nimmt seinen Lauf, bei dem jeder erfährt, ob das Ölzeug noch dicht ist (meins ist es), wir rauschen durch die Wellen, die unter dem wolkenlosen Himmel glitzern, unser Sonnenmilch-Verbrauch steigt rasant und gleichzeitig mit unserer Laune an. Wie hatte ich nur eine Minute denken können, dass mir der Winter ohne Segeln lieber gewesen wäre?

Segelspaß

Hin und wieder kommen uns mehrmastige Traditionsschiffe unter voller Besegelung entgegen, die auf ihrem Weg zur Kieler Woche im Juni sind. Die haben sicher auch einen Heidenspaß.

Nachmittags versuchen wir, den Hafen von Høruphav im südlichen Dänemark anzulaufen und sind nach 45 Minuten Kreuzen noch kaum voran gekommen, zu stark die Böen, die uns immer wieder zurück treiben. Ich entwickele einen gewissen Ehrgeiz darin, Ronjas Tacho über die 8 Knoten schubsen zu wollen und dabei so hoch am Wind zu fahren wie irgend möglich. Wenn schon sinnlos kreuzen, dann wenigstens mit heroischer Geschwindigkeit – auf mehr als 7,7 Knoten kommen wir dann zwar nicht, aber egal, das ist auch schon ein bißchen wie Fliegen und ich weiß nun wieder, warum ich das alles wollte: weil es nun mal einfach so schön ist.

Traditionssegler

Am Tag vor der Prüfung kommen wir wieder zurück nach Kiel, wo wir ausführlich im Hafen herumfahren und das An- und Ablegen üben. Gar nicht mal so stressfrei zwischen den ganzen alteingesessenen Eignern, die den Feierabend nutzen und ihre Yachten auch mal steuerlos im Hafenbecken unter Motor laufen lassen, während sie selbst in aller Seelenruhe unter Deck ein Täßchen Kaffee kochen. Oder wahlweise parallel mit einer anderen Yacht in der Gasse fahren, um sich mit dem Nebenmann gemütlich über den neuesten Klatsch auszutauschen. Von den Olympioniken, die für die anstehenden Olympischen Spiele in Brasilien trainieren und in ihren winzigen Jollen zwischen all dem Chaos hoch motiviert Regatta fahren, will ich gar nicht reden. Dennoch sind wir am Schluss zufrieden mit unseren Anlegemanövern und fühlen uns durchaus gewappnet für bevorstehende Abenteuer in der Rolle des Skippers.

Zur Entspannung lasse ich mich von den Jungs dann noch in die Mastspitze hochziehen, wo ich Ronjas krummen Verklicker gerade biege, denn zur Prüfung möchten wir natürlich ein ordentliches Boot präsentieren. Aus 10 Metern Höhe wirkt der große Olympiahafen ziemlich klein, auch Ronja scheint plötzlich winzig, eigentlich ganz schön so über den Dingen zu schweben. Unser Ausbilder ist erleichtert, dass dieser Kelch an ihm vorüber geht, auch wenn er das natürlich nie zugegeben hätte.

Der Ausblick von oben

Vor der Prüfung flattern uns allen ein bißchen die Nerven. Zwei Prüfer des Prüfungsausschusses Kiel kommen an Bord und überzeugen sich von unseren Fähigkeiten zur Schiffsführung und außerdem davon, dass wir keine Gefahr für Meer und Menschheit darstellen. Patenthalse, Kollision mit fremden Booten oder ungewolltes Überbordgehen von Crewmitgliedern während der Fahrt sind ein Grund zum sofortigen Durchfallen, werden wir informiert. Die Pflichtaufgabe in der Prüfung ist das Manöver „Boje über Bord“ unter Motor sowie unter Besegelung und diese Aufgabe wird peinlich genau begutachtet: der Apotheker bringt die Yacht unter Segeln auch im zweiten Versuch in zu großem Abstand von der Boje zum Anhalten, für die Prüfer Grund genug, seine Prüfung als nicht bestanden zu bewerten. Mein Kollege und ich haben mehr Glück, Ronja steht gleich im ersten Durchgang direkt an der Boje stramm und auch sonst sind beide Prüfer sehr zufrieden mit unserer Leistung. SKS Praxis, Haken dran.

Damit endet unser Törn bereits, die Woche verging wie im Flug, wir verabschieden uns von Ronja, Kiel und der Ostsee und treten die Heimreise an, allerdings können wir uns nicht ganz so ausgelassen freuen. Schade, dass wir nicht alle so gut durchgekommen sind.

Zur Theorieprüfung gehe ich vier Wochen später gemeinsam mit meinem Kollegen. Der lernt noch entspannt während der Zugfahrt die letzten Fragen – bedauerlicherweise sind diese nämlich keine Multiple-Choice-Aufgaben, wie bei der vergleichsweise gemütlichen Prüfung für den Sportbootführerschein See oder für die Funkzeugnisse. Dafür enthält der Katalog aber ganze 492 Einzelfragen zusätzlich zu den 10 x 18 Navigationsaufgaben. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ich weiß nun richtig viel über Navigation, Wetterkunde, Schifffahrtsrecht und Seemannschaft und sogar welche drei Ankertypen vom Germanischen Lloyd als Anker mit hoher Haltekraft anerkannt sind; wobei sich letztere Information wahrscheinlich nicht im Langzeitgedächtnis festsetzen wird.

Für die Bearbeitung der Fragebögen stehen uns zweimal 90 Minuten zur Verfügung. Die Fragen gehen mir leicht von der Hand, bei der Navigation verrechne ich mich an einer Stelle und gerate ein wenig ins zeitliche Schleudern, weil ich einige Folgeaufgaben nochmal neu berechnen und in die Seekarte einzeichnen muss.

Kein Spaziergang, aber gut machbar – auch diese Hürde nehmen wir im ersten Anlauf und erhalten wenig später unseren Sportküstenschifferschein mit den besten Wünschen für immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Die Welt ist also wieder um zwei ambitionierte Freizeitkapitäne reicher. Hurra!

Literaturhinweis:
Ich habe zum Lernen das Buch „Sportküstenschifferschein & Sportbootführerschein See“ von Axel Bark sowohl für die SBF See wie auch die SKS-Theorieprüfung verwendet und beide Prüfungen ohne Probleme auf Anhieb bestanden. Die Aufgaben für den Navigationsteil beim SKS liegen beim Elektronischen Wasserstraßen-Informationsservice vor. Für die SKS-Theorie habe ich autodidaktisch gelernt und weder weitere Literatur gekauft noch einen extra Kurs besucht.