Was es in Schweden massenhaft gibt: Entspannung. Kaum zu glauben, wie entschleunigt hier alles ist. Hier kann man getrost gar nichts tun und es fällt niemandem auf. Zum Beispiel so wie wir den Tag am Wasser „unseres Sees“ verbringen und sich vom Summen und Brummen der schwedischen Wälder einlullen lassen. Irgendwann kommt ein Mann auf einem Mountainbike angefahren, springt ab, als er auf unserer Höhe ist, und trägt das Rad zügigen Schrittes durchs Gebüsch bergauf in den Wald, warum bleibt unbekannt. Später kommt ein anderer Mann vorbei und fragt, ob wir angeln. Danke nein, ich habe schon in Brasilien geangelt, das brauche ich so schnell nicht wieder. Sonst passiert nichts.

Auf dem Heimweg zu unserem Ferienhäuschen (selbstverständlich ist es rot und hat natürlich auch diese weißen Fensterrahmen) beobachten wir Rehe, Feldhasen und eine ganze Schar Wildgänse, die sich mit ihrem Nachwuchs auf einem Acker niedergelassen hatte und lautlos ins Schilf watschelt, als sie uns bemerkt.

Das rote Schwedenhäuschen irgendwo im Nirgendwo

Ein anderer Ausflug führt uns zum Fågelsjön, den wir von einem Fageltorn aus bewundern, welcher laut Schild 100 Meter abseits vom Weg in der Wildnis sein soll. Da ich in der Vergangenheit bereits verschiedene Erfahrungen mit Schildern in Wäldern gemacht habe, die angeblich eine gewisse Weile durch die Wildnis führen oder auch nicht, bin ich erstmal misstrauisch. Vor allem weil ich mir unter einem Fageltorn nichts vorstellen kann. Nach einigen Metern im Gestrüpp finden wir auf einer Lichtung einen großen flachen Felsen. Ist er das etwa? Und deswegen stellen die hier ein Schild auf? Alex vermutet, dass das noch keine 100 Meter waren und nachdem wir noch ein wenig weiter durchs Gebüsch laufen, finden wir schließlich den Fageltorn in Gestalt einer Aussichtsplattform, die den Blick auf eine Moorlandschaft unerwarteten Ausmaßes ermöglicht. In der abendlichen Stille liegt sie idyllisch mitten im Wald herum, Überraschungen können sie hier in Schweden also auch.

Wald und Wasser gibt es jedenfalls überall gratis und umsonst. Speziell das Wasser kann auch unerwartet von oben kommen, das lernen wir bei unserem Besuch am Vänern: Bei Ausflugsbeginn verheißt der Wetterbericht wolkenlosen Sonnenschein und wir spazieren erfüllt von unserer schwedischen Entspannung durch den riesigen Wald zum See, der sich an einem Aussichtspunkt mit gigantischen fünfeinhalbtausend Quadratkilometern vor uns auftut.

Ehrfürchtig richten wir uns ein Picknickplätzchen ein, um unser mitgebrachtes Käsebrot zu essen und ein paar Fotos zu machen. Dann schlägt das Mikroklima überraschend zu, der Himmel öffnet mal eben seine Schleusen und im nächsten Moment retten wir Kamera und Käsebrote unter der Picknickdecke vor spontanem Wassereinbruch. Das Unwetter ist wenig später schon wieder vorbei, zum Glück haben wir noch trockene Klamotten im Kofferraum. Mit nassen Schuhen und Hosen quietschen wir durch den im Sonnenschein nun dampfenden Wald zum Parkplatz zurück, wo an unserem Auto gerade ein Mann schnüffelt. Croc-Gummilatschen und beigefarbene Funktionskleidung, offensichtlich professioneller Schwedenreisender, der den Wolkenbruch selbstverständlich total vorhergesehen hat. Unsere durchweichten Jeans und Turnschuhe beeindrucken ihn nicht besonders.

„Habt’s schon Elche gesehen?“ will er wissen. Ein Schwabe.

Wir verneinen und der Mann kehrt wortlos zu seinem Campingmobil zurück, das mag ich an Schwaben, kein Wort zuviel, könnt ja was kosten.

Große und sehr große Mengen von Wasser findet man nicht nur innerhalb von Schweden, sondern auch außen drum herum, kleine Steininselchen schauen dazwischen heraus, man nennt das Schärengarten, und wenn man dort eine Weile auf den Felsen in der Sonne liegt und auf den Schärengarten schaut, ist man irgendwann der Meinung, dass das alles nicht von dieser Welt ist. Oder vielleicht doch?

Der westliche Schärengarten

Und dann gibt es natürlich noch die Insekten, die Schwedens Wälder behausen und ihrem Insekten-Tagesgeschäft nachgehen. Was es nicht alles für Insekten gibt, die ich bisher nicht kannte! Und welche Größe Insekten hier erreichen, die ich bereits kannte! Sie wissen ja, was Anglerlatein ist? Jedenfalls das hier ist Insektenlatein.

Nehmen wir zum Beispiel die gute alte Hornisse, die jeden Abend ein Plätzchen zum Übernachten an unserem schwedischen Holzhäuschen sucht. Die ist mindestens doppelt so groß wie eine deutsche Hornisse und brummt bedrohlich aus den Dachbalken über unseren Köpfen, während sie ihr Nachtlager bezieht. Sobald es dunkel wird, kehrt jedoch Ruhe im Gebälk ein und wir wiegen uns naiv in der Gewissheit, dass wir von der Hornisse dann wohl nichts weiter mitbekommen werden. Dummerweise steht so eine Hornisse auf, sobald es hell wird und findet dann auf dem Weg aus ihrem Schlafgemach zunächst mal unser Schlafgemach. Träge brummend vermutet sie anschließend den Ausgang ins Freie am Fenster; vom Prinzip her richtig, wenn da nicht die Fliegengitter wären. Der Geräuschpegel kommt in der Stille der hiesigen Wildnis um drei Uhr Morgens dem eines startenden Düsenjets gleich, immer wieder sanft abgebremst vom Fliegengitter, unnötig zu erwähnen, dass schwedische Hornissen besonders geduldige Insekten sind. Mit etwas Nachhilfe entfliegt die Hornisse schließlich in die Freiheit und wir wieder in unsere Betten.

Die Schweden selbst sind so tiefenentspannt wie ihr ganzes Land. Hier scheint es nie jemand eilig zu haben. Hier drängelt man nicht. Schon gar nicht auf der Autobahn. Oder an der Kasse. Und mal angesehen von den Insekten macht hier auch keiner Lärm. Selbst in Göteborg ist es ruhig. Verstopfte Straßen, hupende Autos, startende Flugzeuge? Haben die hier nicht. Schräg gegenüber von unserem Hotel findet am Abend schwedisches Public Viewing von der UEFA Euro 2016 statt, nach Ende des Spiels gehen die Leute ihres Weges, kein besoffenes Gröhlen, kein Krawall. Merkwürdig. Ist es hier auch irgendwo mal laut?

Der Göta-Kanal in der Abenddämmerung

Dann wäre da noch die schwedische Sprache, ganz abgesehen davon, dass hier jeder fließend Englisch spricht, klingt alles schwedische ein wenig vertraut nach IKEA-Möbeln. Manches hört sich auch nach ansteckender Krankheit an (Jordgubbar für Erdbeeren), oder archaisch (Tryck für Drücken) oder ist für uns Deutsche total missverständlich (wie etwa Öl für Bier „Ein Öl bitte“ – „Gerne, Olive oder Sonnenblume?!“). Auch der sensationelle Ortsname Trollhätten begegnet uns und ich bin versucht, das Ortsschild zu klauen, das würde sich einfach bestens in den Büroalltag integrieren. Ich belasse es aber lieber bei einem Foto.

Schließlich verabschieden wir uns von Schweden und treten die Heimreise an. Lange Zeit rollen wir mit 110 km/h die schwedische Autobahn entlang. Auch nach den zwei Wochen unserer Reise ist es mir unverständlich, wieso man auf einer gut ausgebauten und wenig befahrenen, dreispurigen Straße grundlos so langsam fährt. Der Tempomat ist jedenfalls in den vergangenen Tagen mein allerbester Freund geworden – ganz eindeutig wurde dieses Gerät im entschleunigten Schweden erfunden.

Überfahrt der Öresundbrücke

Nach der Öresundbrücke und dem Abschied von Schweden kommt schon Dänemark, wo ich mich mit 130 km/h in einen kleinen Geschwindigkeitsrausch fahre. Und spätestens beim Überqueren der Grenze nach Deutschland fällt mir auf, dass ja außerhalb der schwedischen Gemütlichkeit noch diese andere, viel schnellere Welt auf uns wartet und sie mir auch ein bißchen gefehlt hat. Für einige Kilometer trete ich begeistert das Gaspedal durch. So schnell! Mein Gehirn kommt kaum hinterher! Wahnsinn! Was entgeht den Menschen nur, die auf ihren Straßen zum Dahinschleichen verdammt sind!

Dann naht der erste Stau, jaja, da stehen wir nun, auf der schnellen deutschen Autobahn, im Schritttempo geht es voran, wenn überhaupt, wie gut, dass wir noch eine große Portion schwedischer Entspannung in uns haben.