Donnerstags ist Yogatag. Meine Yogakarriere ist noch jung, gerade mal drei Jahre verrenke ich mich regelmäßig auf der Matte. Davor habe ich gefühlte Äonen im Sportstudio rumgeturnt und war eigentlich ganz zufrieden damit, dort zwei- bis viermal wöchentlich im anaeroben Bereich an meine Grenzen zu gehen. Nur mein Körper eben irgendwann nicht mehr – eine Sportverletzung, das Alter und der Zahn der Zeit – Gründe® also, grob zusammengefasst. Da musste dringend was Ruhiges her.

Meine damalige Vorstellung von Yoga: sehr ruhig. Man sitzt im Kreis, brummt OMM, chillt ein bißchen und kommuniziert mit dem Universum oder sonstwem und irgendwo müffelt ein Räucherstäbchen vor sich hin.

Der reale Kurs, zu dem ich mich schließlich getraut habe: nicht so ruhig. Ich ging zum Vinyasa Flow, weil mir der Name gefiel, ohne zu wissen, was da auf mich zukommt. Und das war dann einiges, Rumsitzen, Räucherstäbchen und die Kommunikation mit dem Universum gehörten nicht dazu. Wohl aber eine künstlerisch wertvolle Abfolge von Figuren, die alle was mit Tieren oder Möbelstücken zu tun hatten und bei denen gleichzeitig noch geatmet werden musste. Wir schwebten ständig vom nach unten schauenden Hund in die Vorwärtsbeuge, dann in den Stuhl und in den Berg, wieder in die Vorwärtsbeuge, zurück in den Liegestütz, in den nach oben schauenden Hund und wieder in den nach unten schauenden Hund. Der ist nämlich zum Ausruhen da, wie ich lernte. Was man im Yoga eben so Ausruhen nennt. Zwischendrin machten wir noch Dreiecke, Helden, Kamele, halbe Tauben und Krähen sowie einige andere Tierfiguren begleitet von freundlicher Musik und der entspannten Stimme der Yoga-Lehrerin, die zwar die ganzen Krähen und Helden mitturnte, jedoch die einzige im Raum war, die nicht außer Atem zu sein schien.

Nach der Schluss-Entspannung ging ich irgendwie befriedet und auch ein bißchen befremdet nach Hause. Das ist also Yoga? Der Muskelkater am nächsten Tag war jedenfalls nicht von schlechten Eltern. Ich dachte ja mal, ich sei körperlich auf der Höhe, aber man lernt auch immer wieder neue Dinge über sich.

Beim Yoga geht es erstaunlicherweise nicht um möglichst effiziente Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit mit Pulsuhr, Trainingsplan und Eiweißfutter. Es steht niemand hinter einem, der mitzählt, wie oft man welches Gewicht heben konnte und es wird nicht verglichen, ob die Vorwoche besser oder schlechter war. Stattdessen ist alles irgendwie im Fluss. Und wenn die Krähe heute auf die Nase fällt, bleibt sie vielleicht morgen stehen, oder auch nicht, das hat keine weitere Bedeutung für den nächsten Kurs oder die Zukunft im Allgemeinen. Das war (und ist) für mich ein sehr schwieriges Konzept, da ich normalerweise immer ein Ziel brauche, auf das ich hinarbeiten kann. Am besten mit Projektplan, Meilensteinen, Zeitrahmen und Kostenschätzung. Dieser Drill steckt so tief drin, dass ich am Anfang wirklich ratlos war. Woran soll man sich denn bitte schön orientieren, wenn es das alles nicht gibt? Wenn es stattdessen nur den Flow gibt?

Umso erstaunter war ich eines Tages, als die Sportverletzung nicht nur ausgeheilt war, sondern die lädierten Muskeln und Sehnen auch ihren vollen Bewegungsumfang zurückerlangt hatte. Der war eigentlich sogar besser als zuvor. Ganz ohne Training und Effizienz! Wenn das der Physiotherapeut wüsste, bei dem ich schon lange nicht mehr vorgesprochen habe. Und die ehemals wackelige Krähe? Stand plötzlich auf festen Füßen, ohne genau zu wissen warum.