Das letzte Mal in Bayern im Urlaub war ich damals™ mit meinen Eltern vor etwa 22 Jahren. Außerdem habe ich aus meiner Kindheit verschwommene Erinnerungen an einen Onkel bayrischer Abstammung, der eine Sprache sprach, mit der ich nichts anfangen konnte. Und nun sind wir plötzlich am Ammersee. Den Dialekt der Pensionseltern versteht man glücklicherweise auch als Nordhesse, außerdem sind die beiden rüstigen Ü80er mit Sicherheit Loriots Inspiration für so manche seiner Sketche gewesen. Der Eincheckvorgang beläuft sich auf „Geht’s einfach gleich nauf, Zimmer neun, Schlüssel steckt von innen.“ Sehr sympathisch. Beim Ausblick aus Zimmer neun bin ich spontan verliebt.

Der Ausblick von Zimmer 9

In den nächsten Tagen: der gemütliche Teil der Reise und nichts als Idylle. Wir durchwandern bayrische Wälder, besuchen bayrische Klöster, futtern uns kugelrund mit bayrischen Knödeln und Krustenbraten und Kaiserschmarrn, probieren dunkles Weißbier und testen die ehrwürdigen Holzboote aus, die am Steg Spalier stehen, sie sind Baujahr 1964 und vom Eigentümer so gut erhalten und gepflegt, dass man sie wahrscheinlich jederzeit für neu verkaufen könnte.

Grüne Idylle mit Klostertürmchen

Unser kleines Holzboot segelt sich ganz wunderbar, bei strahlendem Sonnenschein und beständigen zwei Windstärken erreicht die bayrische Idylle fast schon unerträgliche Ausmaße. Um das Gefühl absoluter Behaglichkeit nicht überzustrapazieren, tritt irgendwann das Starkwind-Signal seinen Dienst an, was wir allerdings übersehen, weil strahlender Sonnenschein und beständige zwei Windstärken – die allerdings nur noch in der Landabdeckung zu zweit sind. Als wir schließlich quer über den See zurück zur Anlegestelle segeln, kommen beim Anblick der Wellen, die der See plötzlich hat, spontane Erinnerungen an die Ostsee auf. Aber das tapfere Boot hat in seinen 50 Betriebsjahren wahrscheinlich schon die ein oder andere Luftbewegung in den Segeln gehabt und bringt uns unbeeindruckt heimwärts. Das Warnsignal ist mittlerweile auf Sturm umgesprungen und besonders sonnig ist es jetzt auch nicht mehr. Von unserem Zimmer aus beobachten wir gespannt den einen Surfer, der den beachtlichen Wind für ein paar Schläge nutzt und im Regen über den See donnert. Wahrscheinlich ist nur fliegen schöner – als er schließlich ins Wasser fällt, dauert es allerdings auch eine halbe Stunde, bis er das Segel wieder aufgerichtet hat. Dann doch lieber fliegen. Am Abend ruht der See wieder still und klar, von Sturm ist keine Rede mehr.

Abendidylle am Ammersee

Der kulturelle Teil der Reise ereilt uns mehr oder weniger unverhofft. Wir treffen uns eines Abends mit einem Münchner Freund in einem Münchner Biergarten, ich leere tapfer meine allererste Maß Bier und dann noch eine halbe hinterher (Es gibt auch halbe? Also sozusagen Kölsch, nur eben bayrisch gebraut?) und dann ist plötzlich die Wiesn im Gespräch, auf der ich noch nie war und dann sind wir plötzlich eingeladen, weil der Münchner Freund ohnehin mit seinen Vereinsfreunden dort feiern geht. Im Festzelt! Mit Bier und vielen Menschen! Über das Wochenende überlege ich, ob ich aus der Nummer eigentlich noch irgendwie wieder rauskomme. Aufs Oktoberfest gehen – außer den Münchnern selbst – doch schließlich nur Australier, Neuseeländer und Briten, die da dann saufensaufensaufen und mit Bierkrügen werfen. Die Prominenten nicht zu vergessen, die prominent sind, weil sie es bei Bauer sucht Frau in den Recall geschafft haben oder so ähnlich.

Wir lassen die Tage am Ammersee mit noch viel mehr Idylle ausklingen, entdecken nette Buchten, retten beim Segeln einen herrenlosen Wasserball, lauschen dem Gequake diverser Wasservögel und finden nebenbei heraus, dass der Ü80-Pensionsvater ohne mit der Wimper zu zucken früh morgens im herbstlich kalten See rumschwimmt. Das muss der Jungbrunnen sein! Der Abschied fällt mir schon ein wenig schwer.

Morgenidylle am Ammersee

Aber dann: München. München legt sich für uns ordentlich ins Zeug und trumpft mit strahlend blauem Himmel und T-Shirt-Temperaturen auf. Wir bummeln kurz durch die Innenstadt, der ich bei Gelegenheit nochmal mehr Aufmerksamkeit schenken möchte, da sie mir ausnehmend gut gefällt. Die U-Bahnstation unter der Wiesn erfreut die ankommenden Gäste mit bayrischer Durchsage: „Jetzt seids endlich da, viel Spaß!“ Dann fahren wir mit der zweispurigen Rolltreppe und hunderten von Dirndln und Lederhosen aus dem trüben Schacht ins gleißende Licht. Was zugegebenermaßen schon was Symbolisches hat.

Zuerst mal den Rummelplatzteil begutachten. Es ist laut dort. Und groß. Um nicht zu sagen, sehr groß. Zum besseren Verständnis: die Idee, sich am Freefall-Tower zu orientieren, der aufgrund der Höhe ja immer zu sehen ist, ist soweit gut, bis wir feststellen, dass es eben zwei davon gibt. Dank genügend kindlicher Gemütsanteile erfreuen mich die lauten, bunten Fahrgeschäfte sehr, und auch wenn ich durchaus der Meinung bin, dass man seine Freizeit auf wirbelschonendere Weise verbringen kann, fahre ich im Kettenkarussell (da sitzt dann endlich ein Neuseeländer neben mir, aber eher der ruhige Typ, kein Bierkrugwerfer, wir plaudern kurz über seine Kamera, die er vergessen hat) und steige in den Olympia-Looping, der seine Gäste mit satten 5G in die Sitze presst. Zu Alex‘ großer Freude lasse mich sogar in einem einarmigen Ding namens High Energy in alle Richtungen drehen, wenden und kopfüber 30 Meter in die Tiefe schleudern und bin begeistert! Und irgendwie auch frisch geföhnt.

Dann ist es schon bald Zeit, sich mit den Einheimischen für das Festzelt zu treffen. Und da ist es ja doch auch anders als ich immer dachte. Die Menge der mit Dirndl und Lederhosen Bekleideten nimmt nochmal sprunghaft zu. Kariertes Hemd nicht zu vergessen! Ein solches haben wir für Alex auch noch kurzerhand besorgt, nur echt mit Hirschgeweih-Applikation. Wir sind eine größere Gruppe und haben vier Tische für uns. Die Musik ist laut, aber nicht so laut, dass man sich die ganze Zeit anschreien müsste. Wir lernen: das wichtigste ist das Anstoßen, die Bierkrüge dürfen aus dem Scheppern quasi nicht rauskommen. Dabei ist es fast egal, mit wem man anstößt, die Anwesenden sind allesamt freundlich und zutraulich, von nordhessischer Soziophobie keine Spur. Auf diese Weise leeren wir beide eine Maß Bier, dann noch eine zweite, essen Brezn und haben eine Menge Spaß. Es dauert nicht besonders lange, bis beinahe jeder im Zelt auf den Sitzbänken tanzt und als geschätzte 6.000 Zeltgäste plötzlich den Refrain gewisser atemloser Schlager mitsingen, geht sogar mir als Nichtschlager-Fan das Herz auf.

Atemlos im Festzelt…!

Erstaunlich, aber wahr: schon um halb elf wird der Bierhahn zugedreht und auch die Band legt ihre Instrumente nach einem letzten Prosit nieder. Die Bedienungen fangen an, die Tische abzuräumen und den Müll einzusammeln und nach und nach werden die Gäste aus den Gängen gekehrt und an die frische Luft verfrachtet. Wie konnte der Abend nur so schnell umgehen? Der Heimweg über die Theresienwiese ist dann doch noch so, wie ich mir das Oktoberfest in seiner Gänze immer vorgestellt habe. Menschenmassen schieben sich aneinander vorbei, es riecht nach Alkohol und viele halten sich nur mühsam aufrecht. Ein Typ steht stieren Blickes leicht schräg geneigt für sich und fällt dann in Zeitlupe zu Boden, während er die Hände noch gemütlich in den Hosentaschen hat. Die Vorbeigehenden stellen ihn kurzerhand wieder auf die Beine, dann steht er wieder schräg da, die Hände noch immer in den Taschen, so macht man das hier wohl.

In der Wohnung des Münchner Freundes fällt mir auf, dass zwei Maß Bier wohl doch etwas viel für mich waren, da ich mich dabei ertappe, wie ich um ein Uhr morgens bei Sing Star mitspiele und den Münchner Freund dabei ordentlich abziehe – wo ich sonst kaum einen Ton halten kann. Bier fördert offenbar die Musikalität in nicht unerheblichem Ausmaß.

Insgesamt ein gelungener Urlaub, tschüß München, tschüß Wiesn, tschüß Ammersee.