Unsere Unterkunft im südamerikanischen Regenwald ist eine Pousada aus Naturmaterialien, die man wohl am treffendsten als wildromantische Bretterbude mit Fliegengittern statt Glasscheiben vorm Fenster beschreibt. Wie sind wir doch gleich hierher gekommen? Achja, weil ich noch nie in Brasilien war, wo ein Familienteil seit rund 60 Jahren lebt und mir dann eingefallen ist, dass ich auch überhaupt noch nie im Regenwald war und man das bei einer mehrwöchigen Rundreise doch praktischerweise gleich beides abändern könnte. Orte, die ich noch nie besucht habe, ziehen mich ebenso magisch an, wie Dinge, die ich noch nie gemacht habe.

Und so sind wir in Manaus aus dem Flugzeug gestiegen und zunächst mit dem Auto und dann mit dem Boot in die totale Einöde an einen Seitenarm des Rio Negro gefahren, wo besagte Pousada aus Naturmaterialien abenteuerlustige Gäste empfängt, die die Baumriesen des Regenwaldes ehrfürchtig bestaunen, weil sie eben noch nie im Regenwald waren. Bei 40 Grad und angenehmer Schwüle bewegt sich hier nichts bis auf die ewig trällernden Vögel in den Baumkronen, denen die Temperaturen scheinbar egal sind. Dschungeliger geht es wirklich nicht, aber entweder ganz oder gar nicht, Sie verstehen mich sicher.

Anreise per Boot

In unserer Pousada haben wir sogar einen eigenen Frosch, der klein und grün in unserem Bad an der Wand lauert, von dem unser Guide jedoch versichert, er sei nicht giftig. Der Guide muss es ja wissen, da er seit 25 Jahren in Manaus lebt und mindestens ebenso lange darauf achtet, dass ahnungslose Touristen in der unübersichtlichen Flora nicht verloren gehen oder von der noch unübersichtlicheren Fauna zufällig ins Jenseits befördert werden. Davor war er mal Aktivist bei Greenpeace. Der Frosch springt schließlich mit einem gewagt hohen Satz ins Abflussrohr unseres Waschbeckens und wird danach nicht mehr gesehen.

Unsere herzliche Unterkunft – alles drin was man braucht!

Ebenfalls in der Pousada, aber nicht auf unserem Zimmer: drei Mexikaner, Papa, Mama und der schon ziemlich erwachsene Sohn. Zusammen bilden wir unsere Reisegemeinschaft, zwar verstehen wir uns nicht, jetzt rein sprachlich gesehen, aber dazu haben wir ja unseren Guide, der auch noch den Dorfdialekt des Bootsmannes beherrscht – da der Regenwald ja unter anderem deshalb Regenwald heißt, weil hier alles unter Wasser steht, fahren wir nämlich mit dem Boot unter den dichten Blätterdächern der Bäume hindurch von Ort zu Ort.

Wenn mal wieder alles unter Wasser steht…

Vom Guide und vom Bootsmann lernen wir in den nächsten Tagen nur Nützliches zum Thema Regenwald. Wie man Paranüsse mit der Machete schält zum Beispiel. Oder wie man als Bauer vom Manioc-Anbau lebt. Wie man Maniocwurzeln mit Hilfe einer Mühle zu Mehl malt, dieses dann trocknet und anschließend zu Fladen namens Tapioka backt. Dass der Regenwald ein ganzer Medizinschrank ist, vorausgesetzt man weiß, welche Pflanzen man vor sich hat. Wie groß die Ameisen hier so werden. Und wo man als Faultier am besten abhängt, und auch wenn ich eigentlich alles spannend finde, dieser Teil des Unterrichts gefällt mir definitiv am besten.

Als gute Westeuropäer sind wir natürlich in ordentlichen Wanderschuhen (wir wissen ja jetzt, wie groß die Ameisen hier so werden) und Funktionskleidung unterwegs, Guide, Bootsmann sowie die Mexikaner sind mehr die Baumwolltypen in Flipflops, die haben allerdings alle auch ein wenig mehr Vorerfahrung mit 40 Grad und dieser angenehmen Schwüle. Unser Guide witzelt, dass im brasilianischen Winter die Temperaturen in Manaus auch schonmal empfindlich kühl unter 25 Grad sinken. 25 Grad kommen mir gerade sehr dekadent vor.

Wir lernen natürlich auch, wie man angelt. Aber das mit den Piranhas ist definitiv nicht mein Ding. Was ist eigentlich das Gegenteil von Petri Heil? Die Mexikaner sind indessen völlig begeistert. Ich glaube, die sind insgeheim nur wegen der komischen Piranhas hergekommen. Jaja, der Dschungel ist ja ganz nett, aber kennen Sie Piranhas? Es dauert nicht lang und der Mexikanerpapa zieht mit stolz geschwellter Brust einen kleinen Piranha aus dem Wasser. Bei Alex und mir bewegt sich der Schwimmer nicht. Ein Glück! Ich bemühe mich sogar, extra doof zu angeln, damit bloß keiner von denen anbeißt. Aber entweder sind die Piranhas zu verfressen oder sie wollen mir einen Gefallen tun – plötzlich habe ich den dickst anzunehmenden Piranha (DAP) am Haken. Mir bleibt auch nichts erspart. Der glühende Neid des Mexikanerpapas ist mir jedenfalls für den Rest des Tages sicher.

Piranhas und das Heil vom Petri

Zum Abendessen gibt es unseren Fang als traditionelle Fischsuppe. Neugierig heben wir den Topfdeckel an und finden im Topf die Fische vor, wie sie im Ganzen gemeinsam mit ein paar ebenfalls ganzen, ungeschälten Hühnereiern vor sich hinbrodeln. Merkwürdige Traditionen haben die hier.

Aus dem Regenwald kann man nicht abreisen, ohne zumindest einen Kaiman gesehen zu haben, sagt unser Guide. Allerdings sind diese sind bei Vollmond sehr scheu, was eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit unserer abendlichen Expedition bedeutet, denn es ist zufälligerweise gerade Vollmond. Die Grunz- und Brummgeräusche, die das scheue Tier in der Ferne von sich gibt, klingen schon mal verstörend und in keinster Weise schüchtern. Eigentlich ganz gut, dass gerade Vollmond ist. Aber da man ja nicht ohne Kaiman-Besichtigung abreisen kann, gibt unser Guide alles; während wir im Boot warten, springt er ein Weilchen in seinen Sicherheits-Flipflops im Dunkeln (ist ja Vollmond, also quasi auch irgendwie hell) zwischen den Büschen rum und fördert schließlich einen ganz kleinen Kaiman zu Tage, sozusagen ein Kaimännchen. Der Kleine ist ziemlich niedlich, ein winziges Krokodil, das aber bereits alles hat, was zu einem richtigen Krokodil gehört, inklusive einer Reihe ziemlich scharfer Zähnchen. Nach der Besichtigung schwimmt das Kaimännchen entrüstet mit der Strömung davon.

Wie bestellt bekommen wir am nächsten Tag Besuch von einem ausgewachsenen Kaiman. Der ist definitiv kein Kaimännchen mehr. Mit leicht fiesem Blick lauert er im schwarzen Wasser des Rio Negro an unserer Pousada und besichtigt die leckeren Touristen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir hier den großen Bruder des Kleinen von gestern vor uns haben, der das mit der Scheu bei Vollmond nicht so genau nimmt.

“Was hält den denn davon ab, hier hoch zu kommen?” frage ich. Der dürftige Holzzaun wohl kaum.

“Eigentlich nichts”, sagte unser Guide, und nicht mal er geht da in seinen Flipflops hin. Irgendwann trollt sich der Kaiman und alle sind irgendwie erleichtert. Alex und ich beschließen, einfach nicht mehr im Dunklen rauszugehen, Besichtigung hin oder her.

Besuch von Kaimans großem Bruder

Manaus verabschiedet sich mit einem tropischen Regenguss von uns, während wir auf unserer letzten Tour mit dem Boot unterwegs sind. Ohne weitere Vorankündigung rotzt es plötzlich nur so vom Himmel, dazu Blitz und Donner und Regen, Regen, Regen. Klatschnass steigen wir schließlich an einem Steg aus, der Rest der Tour fällt wörtlich ins Wasser. In der hiesigen Kneipe wärmen wir uns mit Schnaps, Salz und Zitrone auf. Merke: auch im schwülen Regenwald kann einem kurzfristig kalt werden, wenn man durchnässte Klamotten trägt. Da zahlt sich nun allerdings die Funktionskleidung aus, denn im Nu ist alles wieder trocken. Dekadent, aber nützlich.

Dann geht beinahe noch unser Boot verloren. Hübsch langsam treibt es auf einmal im strömenden Regen davon. Der entspannte Einsatz vom Bootsmann, der nach kurzer Diskussion dieses Umstandes in voller Montur (sogar mit Basecap, aber ohne seine Flipflops) ins Wasser köpft und nach der Bootsleine taucht, verhindert Schlimmeres. Darauf noch eine Runde Schnaps!

Sonnenuntergang am Rio Negro

Plötzlich ist das ganze Unwetter so schnell vorbei wie es gekommen ist und wir fahren ein letztes Mal zurück zur Pousada. Es herrscht Abendstimmung am Rio Negro, während wir über das nun wieder vollkommen stille Wasser gleiten. Der Tukan ruft, ein Frosch quakt, sonst nichts. Schließlich geht die Sonne unter.