Gestern Abend haben wir einen kleinen, romantischen Waldspaziergang gemacht. Mit Betonung auf klein und romantisch, denn es war so: gegen 20 Uhr Ankunft am Parkplatz und gemütliches Losschlendern auf Weg 6 (laut Plan ein Rundweg von 5 km Länge). Erfreutes Schnuppern in die Bäume, bei dem Pilzgeruch kann doch ein Steinpilz nicht weit sein…? Tatsächlich dauert es keine Minute und der erste Pilz, knackig und frisch, wandert in Alex‘ Jackentasche, da ich so früh im Jahr nicht mit Pilzen gerechnet hatte, haben wir gar kein Behältnis mit.

Weitere Pilze folgen und irgendwann sind wir an einer Abzweigung, an der uns ein schlaues Waldschild mitteilt, dass es von hier zum Parkplatz zurück in beide Richtungen gleich weit ist. Alex meint, dass es dann ja wohl spannender sei, die Runde zu gehen, anstatt den Rückweg anzutreten. In jedem Fall ist das bis zum Dunkelwerden locker zu schaffen. Also gut! Aber entweder ist der Weg ab der Abzweigung falsch ausgeschildert oder das Waldschild war nicht so ganz ernst gemeint, denn plötzlich gehen wir auf einer Matschwiese mit tollen Pfützen weiter. Irgendwann liegen Bäume quer über den Weg. Die Dämmerung setzt ein. Meine Schuhe und Socken sind nass von der Matschwiese. Im Dunkeln kommen wir an einen Weg, an dem die 8 steht, der wir frohen Mutes folgen in der irrigen Annahme, dass sie uns wieder in Richtung Parkplatz führen wird. Aber weit gefehlt! Weeeeit gefehlt! Weg 8 ist zwar auch ein Rundweg, der aber deutlich länger ist und munter durch den Wald führt. Dunkel ist es ja schon. Und romantisch auch. Taschenlampe wär jetzt toll. Oder GPS! Aber wer nimmt schon Taschenlampen und GPS zum romantischen Waldspaziergang beim Tageslicht mit. Proviant haben wir natürlich auch nicht dabei, mal abgesehen von den Pilzen. In einer Vision sehe ich mich mit Hilfe von Laub, trockenen Ästchen und Steinwerk Funken schlagen, Feuer machen und die Pilze rösten. Survivalcamp inklusive. Wie war das eigentlich nochmal in The Blair Witch Project gewesen? Das ging doch gut aus, mit happily ever after und so weiter? Ach, lieber nicht darüber nachdenken.

Dann, rechts vom Weg: RASCHEL. Tier? Tier. Tier macht GRUNZ und galoppiert an. In der selben Sekunde sieht man zwei adrenalingeschwängerte Waldtouristen wie geölte Blitze den Weg lang rennen, die Wildsau vermeintlich im Nacken, aber die verfolgt uns natürlich gar nicht. Ist vermutlich eher froh, dass wir abziehen und ihr Stelldichein nicht stören. Auf einer Schneise kreist lautlos ein ziemlich großer Vogel mehrmals über unseren Köpfen. Der gefällt mir schon besser als die Wildsau. Unser Schritt ist nun deutlich schneller. Meine Socken wieder trocken. Dann ist da noch die Abzweigung, auf der es rechts einen Grasweg lang geht, nicht so toll im Dunkeln, also lieber links entlang und dann sind wir plötzlich zurück auf Weg 6 in die Rückrichtung, wie uns ein weiteres schlaues Schild verrät. Jedenfalls soweit man das im Dunkeln erkennen kann. Joggenderweise ignorieren wir sämtliche eventuell vorhandenen Steinpilze und hurra, selten erfreut mich der Anblick unseres Autos auf dem Parkplatz so sehr wie heute!

Es ist viertel vor 12 und wir fertig mit der Bereifung. Romantischer Spaziergang? Gerne wieder, aber nicht so sehr bald und wenn, dann bitte ohne Wildsau. Ich bin schließlich auch nicht mehr die Jüngste.