„Ich war noch nie auf einer echten Alm“, sage ich zu Alex, als wir auf der Heimreise von der Steiermark sind. Wir wollen am Nachmittag noch einen Zwischenstopp in der Nähe von Salzburg machen. Zufällig ist da eine echte Alm. Die Autobahn dorthin führt durch viele, viele Tunnel. Ganz Österreich scheint nur aus Tunneln zu bestehen. Dazu wird das Wetter immer schlechter, Regen und Nebel, der Scheibenwischer arbeitet wie ein Verrückter und trotzdem sieht man kaum noch was. Aber zum Glück haben wir ja die Tunnel, die sind beleuchtet und drin ist es trocken. Als wir die Autobahn verlassen, geht es durch kleine Straßen nur noch bergauf und dann sind wir plötzlich da, auf einer echten Alm!

„Ist das aber schön hier“, sage ich. „Voll romantisch, und so weit oben!“ Von hier kann man auf Salzburg runterschauen. Also theoretisch. Wenn es nicht regnet und nebelt und total diesig ist. So zeigt der Blick nichts als Gestrüpp, Berg, Rauschetannen und dichte Wolken.

Stellen Sie sich hier den wunderschönen Ausblick auf Salzburg vor…

„Lass uns vorm Essen noch einen Spaziergang machen“, schlägt Alex vor.
Ich denke, dass mir eigentlich schon der Magen knurrt, und ich mich auf die Semmelknödel im Restaurant freue. Aber nach der langen Fahrt kurz die Beine vertreten ist ja auch nicht verkehrt. Ein Alm-Rundweg wird auf einem Wegweiser angepriesen. Dauer: etwa eine Stunde.

„Ach“, sage ich, „den gehen wir doch locker in 45 Minuten und sind pünktlich zurück bevor es dunkel wird.“

Wir schnüren Turnschuhe und Jacken und laufen los, der Regen hat zum Glück aufgehört, aber es ist immer noch sehr nebelig auf der Alm.

Der Weg führt zunächst leicht bergauf, und wird dann steiler und steiler und noch viel steiler. Doch wir sind ja nicht zum Spaß hier auf der Alm und stapfen tapfer weiter, den Wegmarkierungen hinterher. Der Weg wird zu einem matschigen Trampelpfad, und irgendwann fällt mir auf, dass ich schon lange keine Markierungen mehr gesehen habe. Unser Trampelpfad verläuft nun beinahe vertikal zwischen den Büschen lang. An denen kann man sich wenigstens festhalten.

Es geht bergauf… und bergauf… und, richtig – weiter bergauf!

„Sind wir hier eigentlich noch richtig?“ frage ich Alex, doch der ist bei sowas unbeirrbar.
„Klar“ sagt er. „Ist doch ein Rundweg. Da kommt jetzt gleich ein gerades Stück und dann geht es wieder bergab.“
„Woher weißt du denn das?“ frage ich. „Du warst hier doch noch nie!“
„Schließlich bin ich Mathematiker“ sagt Alex, als erkläre das alles. Es wird schon langsam dunkel, und in einer spontanen Vision sehe ich mich in meinen Turnschuhen auf dem Hosenboden den Alm-Trampelpfad herunterrutschen. Aber kurze Zeit später erreichen wir tatsächlich wieder einen richtigen Weg.
„Siehst du?“ sagt Alex. „Unser Trampelpfad war nur eine Abkürzung.“ Ich zeige auf das weiße Zeug am Wegesrand. Schnee! Und gar nicht mal so wenig. Wir müssen wirklich sehr weit oben sein. Der Weg mit dem Schnee führt uns hübsch und fröhlich am Berg entlang.

Schnee! Wer denkt denn, dass auf einer Alm plötzlich Schnee liegt!

„Müsste das hier nicht bergab gehen?“ frage ich.
„Jaja“, sagt Alex. „Da vorn dann, das ist nicht mehr weit.“
„Hier sind auch gar keine Markierungen“, sage ich.
„Die haben wir bestimmt im Dunklen nur übersehen.“ sagt Alex. Der Mathematiker muss es ja wissen. Wir laufen weiter, rechts das steile Tal, links der steile Berg, wir kommen an einem Schrein vorbei, überqueren eine Brücke und erreichen schließlich – eine andere Alm. Bis vor wenigen Stunden war ich überhaupt noch nie auf einer Alm gewesen und jetzt schon auf zweien! Ich kann mein Glück kaum fassen. Allerdings ist auf der neuen Alm nichts los. Das einzige Restaurant sieht verlassen aus. Jetzt ist auch Alex überzeugt davon, dass uns die Österreicher mit diesem Rundweg tüchtig verarscht haben.

Ganz hübsch hier auf der Alm…

Irgendwann kommen wir an eine Straße und die führt tatsächlich bergab. Hah! Wir finden sogar eine Bushaltestelle in der Einöde, an der natürlich um diese Zeit kein Bus mehr fährt. Aber der Fahrplan sagt immerhin, dass unsere Alm nur vier Stationen entfernt ist.

Also schreiten wir aus wie Heidi und der Geißenpeter. Es ist dunkel, kalt, sehr sehr windig, aber dann, ein paar Kurven später klart plötzlich der Himmel auf und gibt den Blick auf das beleuchtete Salzburg frei. Wir bleiben sehr ehrfürchtig stehen.

Blick auf Salzburg – unvernebelt!

„Ist ja schon ganz nett hier in Österreich“, sage ich. Auch wenn die das mit den Rundwegen noch nicht so raus haben.

Gegen 21 Uhr sind wir wieder auf unserer Alm, quasi kurz vor dem Hungertod. Wir fallen ins Restaurant ein. Eigentlich hat die Küche um diese Zeit schon zu. Aber als wir unsere Geschichte von einem kleinen Abendspaziergang rüber auf die andere Alm erzählen bekommen wir unsere Semmelknödel als extra große Portion.

Warum wir denn nicht den Rundweg genommen hätten, fragt die Bedienung noch. Wir sehen uns an und sagen nichts.

Am nächsten Tag fahren wir die Strecke zur anderen Alm mit dem Auto und staunen sehr, wie weit das ist. Von den Rundweg-Markierungen fehlt allerdings auch im Hellen überhaupt jede Spur. Ich frage mich, wie viele Touristen, die keine Mathematiker sind oder einen solchen dabei haben, wohl schon auf so einem Alm-Rundweg für immer verloren gegangen sind.