Wir fahren zum Kloster Nimbschen nach Grimma in der Nähe von Leipzig. Erstmal ist die A38 gesperrt, weil der Papst kommt, unsere Alternativroute über die A4 ist deshalb auch mit einigen Staus gesegnet, statt der avisierten drei Stunden brauchen wir viereinhalb. In Grimma verfahren wir uns und kurven ein wenig ratlos in der Gegend rum. Navi wäre jetzt toll, haben wir aber nicht. An einer Kreuzung nimmt Alex aus Versehen beinahe einem Transporter die Vorfahrt (Betonung auf „beinahe“, es bestand weder Lebensgefahr, noch Kollisionsgefahr, noch musste übertrieben viel Bremsbelag geopfert werden). Der Transporter kommt hupend mitten auf der Kreuzung zum Stehen, ein Typ steigt aus – und greift erstmal nach dem Griff unserer Autotür! Glücklicherweise kann man so eine Tür ja von innen versperren. Der Typ prollt mangels Direktkontakt lauthals auf der Kreuzung rum, dass er total wichtige Medikamente im Kofferraum habe, deshalb würden wir noch von ihm hören, stellen Sie sich das in sächsischem Dialekt vor, uns werde dann der Arsch platzen, in echt jetzt. Ach was. Und das, obwohl nichtmal was passiert ist! Ob alle Grimmaer so sind? Der Hotelmensch sagt nein, nach diesem schockierenden Erstkontakt mit sächsischen Eingeborenen finden wir nämlich sofort das Hotel mit seiner Klosterruine und beziehen ein hervorragendes Zimmer mit Balkon und Blick auf den Baggersee.

Dann lernen wir unseren Kurs kennen, deren Mitglieder verschiedener nicht sein können. Ein Ehepaar aus Leipzig erweist sich schnell als überaus merkwürdig. Ist der Kerl überhaupt nüchtern? Seine Trulla jedenfalls nicht. Aber man kann sich so manche Bekanntschaften ja auch nicht aussuchen. Der Bogenschieß-Meister, der den Kurs leitet, ist jedenfalls ein Guter und erinnert mich optisch sehr an den Zoopfleger aus Elefant, Tiger & Co. Die Berufsbilder Zoopfleger und Kursleiter liegen ja auf psychologischer Ebene auch gar nicht mal so weit auseinander.

Wir versammeln uns in der Klosterruine und dürfen alle Bögen, die der Meister dabei hat, mal probieren. Ich entscheide mich für einen Langbogen, der spontan Spaß macht. Ein anderer hätte mir auch noch gefallen, aber den nimmt die komische Trulla. Natürlich muss ihr Kerl mehrfach die Sehne losschnellen lassen, obwohl der Meister gesagt hat, dass davon der Bogen kaputtgehen kann. Dussel. Der Meister bleibt cool. Zumindest äußerlich. Aber deshalb ist er ja auch Meister.

Das schießen wir das erste Mal! Da wir relativ nah am Ziel stehen, gibt es gleich erste Erfolge. Das macht voll Spaß! Wir ballern rum, bis es dunkel wird, nach und nach gehen wir immer weiter weg von der Zielscheibe. Mein Bogen und ich passen bestens zusammen, nur mit dem Handschuh werde ich nicht warm. Also schieße ich erstmal ohne, was allerdings nicht so angenehm für die Finger ist.

Gegen halb acht sind wir fertig und es gibt Futter in der Klosterschänke. Die beiden Leipziger erweisen sich als noch seltsamer wie zunächst gedacht: beide essen nur die halbe Portion vom Hauptgang und lassen sich den Rest einpacken. Das isst der Kerl dann morgen früh um 4:30 Uhr, weil er da aufwacht und Hunger hat, erfahren wir. Er ist nämlich auf einem Bauernhof groß geworden und deshalb an frühmorgendliche Nahrungsaufnahme gewöhnt; weil aber um die Zeit das Frühstücksbuffet noch nicht aufgebaut ist, muss man sich eben mit Nahrungsmitteln vom Abendbrot versorgen. Ist klar, da mampft der dann mitten in der Nacht kalte Kartoffelrösti mit Pilzsauce. Aber jedem das Seine. Ins Bett geht er trotz dieser seltsamen Angewohnheit immer erst um Mitternacht, wie er stolz berichtet. Kein Wunder, dass die beiden so weggetreten wirken.

Wir verbringen eine ruhige, sternklare Nacht in Grimma, in der ich quasi komatös schlafe, die inhalierte Frischluftmenge des vergangenen Tages fordert ihren Tribut.

Beim Frühstück am nächsten Tag sind Tische Mangelware wegen zwei Hochzeitsgesellschaften. Zum Glück sind die Leipziger noch nicht da, vermutlich mit Verdauen des kalten Frühstücks von 4:30 Uhr beschäftigt. An der Klosterruine fragt uns der Meister, ob wir auch glauben, dass die beiden gestern eine Fahne hatten? Also haben wir uns nichts eingebildet.

Unser Schützentraining geht erfolgreich und spaßig weiter. Wir schießen erst auf die ganze Zielscheibe, dann auf abgeteilte Teile und später auf einen kleinen Kreis. Ich lerne, dass mein dominantes Auge das rechte ist. Also das, auf dem ich die Stabsichtigkeit habe und noch nie so wirklich scharf sehen konnte. Wir schießen auch von noch weiter weg, was mit meinem Bogen aufgrund des Parabelflugs der Pfeile gar nicht mehr so einfach ist. Ein- oder zweimal treffe ich dennoch. Dann probiere ich einen Recurve-Bogen aus. Der rockt beim Abschuss so richtig – und an der Muskelermüdung im Arm ich merke schnell, warum Bogenschießen eigentlich ein Sport ist.

Immer wieder pilgern Trupps vom Krampfader-Geschwader an der Klosterruine vorbei. Die glotzen uns dann eine Weile an und manche machen Fotos. Ich stelle mir vor, dass in deren Fotoalbum neben einem Foto der Klosterruine auch eines von mir mit Langbogen landet. Irgendwie seltsam. Dann kommt ein Wandertrupp von bestimmt 50 Mann mit Wanderführung anmarschiert und belagert wortreich „unsere“ Ruine. Touristisch ist Grimma jedenfalls erstaunlich gut erschlossen. Falls Sie auch mal hinfahren möchten, passen Sie nur auf, dass sie niemandem die Vorfahrt nehmen, da versteht man hier im wilden Osten keinen Spaß.

Gegen halb eins haben wir genug geballert und den Nachmittag zur freien Verfügung. Alex und ich machen einen Spaziergang zur Mulde, dem hiesigen Fluss. Mit einem kleinen Boot kann man sich übersetzen lassen. Auf der anderen Flussseite laufen wir in der kräftigen Herbstsonne durch die Welt, vorbei an Pferden, Natur und Touristen.

Um halb sechs sind wir zum Essen verabredet, diesmal im Restaurant. Alles piekfein, die zwei Hochzeitsgesellschaften machen derweil ihre Hochzeitssachen. Hat man ja auch schon ein paarmal gesehen, und es erstaunt mich nicht wirklich, dass auch in Grimma Hochzeiten so ablaufen, wie sie immer ablaufen.

Dann treffen wir uns in der Ruine und schießen im Fackelschein auf die Zielscheiben. Der Meister hat sogar ein 3D-Tier-Modell (vulgo: Gummi-Wolf) mitgebracht. Wir machen Fotos von Pfeilflugbahnen mit leuchtenden Nocken und sitzen anschließend noch am Feuerchen und trinken Klostertrunk.

Bogenabenteuer die letzte beginnt mit herrlichem Kopfschmerz. Das wird doch nicht vom Klostertrunk sein? Beim Frühstück esse ich drei Brötchen, aber auch das hilft nicht. Die halbe Aspirin interessiert den Schädel ebenso wenig. Da muss ich wohl durch. Wir treffen uns an der Ruine und schießen uns schonmal warm, dann kommt der Meister mit seinen 3D-Modell unterm Arm vorbei, den Rest seiner Gummi-Tierschar hat er bereits im Wald versteckt. Wir schultern unsere Bögen und Pfeile und marschieren los.

Im Wald begeben wir uns auf die Pirsch nach Gummi-Wildsau, Gummi-Fuchs, Gummi-Weißkopfseeadler, Gummi-Murmler und Gummi-Waschbär, alle befinden sich in unterschiedlichen Höhen, Entfernungen und teilweise im Gebüsch. Jedes Ziel stellt eine neue Herausforderung dar. Ich treffe einige, brauche aber meistens mehrere Versuche. Ich beginne zu ahnen, dass unsere Vorfahren, die mit Pfeil und Bogen im Wald rumgerannt sind, es nicht leicht hatten – unsere Gummitiere bewegen sich ja netterweise nicht von der Stelle, während wir sie erstmal ausfindig machen, dann gemütlich den Bogen spannen, stundenlang zielen und schließlich schießen. Nachdem jeder ein paar Schuss hatte, geht immer die gesamte Mannschaft durchs Unterholz zum Ort des Geschehens und sammelt die Pfeile ein, damit niemand aus Versehen von einem Blindgänger durchbohrt wird. Sogar unser Leipziger Ehepaar hält sich daran. Die Trulla schafft es allerdings die Böschungen nicht hoch und schickt immer ihren Kerl. Der Ärmste ist bald total geschwitzt.

Nach zwei Stunden macht jeder noch seinen „Best Shot“ und wir sind fertig. Gummitiere, Bögen und Pfeile werden zur Ruine zurückgetragen und wir machen noch ein paar Erinnerungsfotos, anschließend löst sich die Gesellschaft auf. Der Meister ist heimlich ein bißchen stolz auf seine Schüler, auch wenn er das erst sagt, nachdem die Leipziger Schnapsdrosseln weg sind. Ich bin auch stolz, aber sowas von! Wir stopfen unsere Sachen ins Auto und fahren über die leere A38 in Rekordgeschwindigkeit nach Hause. Sofern nicht gerade der Papst oder verwirrte Medikamenten-Transporteure unterwegs sind, lässt es sich hier bestens reisen.